Kunstmuseum Spezial

Eine Frau hat es Sven Willms im Kunstmuseum angetan, genauer: eine Rebellin, fotografiert von Bernhard Prinz. Mit Rebellen kennt sich der Betriebswirt, der als Zwölfjähriger sein erstes Graffiti sprühte und 2013 eine ganze bunte Hauswand in Lehe mitgestaltet hat, gut aus. Kein Wunder, dass ihm die 25 Besucher beim Auftakt von „Kunstmuseum Spezial“, der Serie von NORDSEE-ZEITUNG und Kunstverein, neugierig lauschten.

Prominente und Querdenker stellen ein Kunstwerk, das sie besonders anspricht, aus ihrem ganz persönlichem Blickwinkel vor: Diesen Anspruch löste Sven Willms mit Leichtigkeit ein. „Das Madonna-Piercing in der rechten Wange, die kahlrasierte Schläfe, die T-Shirt-Aufschrift in Kreuzesform, die das Wort ,god‘ (Gott) zum ,dog‘ (Hund) umdreht: All das sind Zeichen einer Person, die sich abgrenzen will“, erläuterte der Gastführer.

Und fügte gleich eine kleine Kulturgeschichte des Piercings an. Da war zu erfahren, dass die Technik des „Durchstechens“ schon 7000 Jahre lang bekannt ist und sich afrikanische Stämme bis heute dadurch abgrenzen. „Es ist also keine Mode, sondern Identifikation“, stellte er fest.

Geschickt erregte Willms auch immer wieder den Widerspruch seiner Hörer. „Sie blickt auf uns herab“, behauptete er über die dargestellte ungeschminkte Frau. „Nein, durch uns hindurch“, konterte eine Besucherin. Dass der Blick „eine gewisse Kühle“ ausstrahlt, darauf konnte man sich einigen. Ansonsten reichten die Charakterisierungen von „trotzig und teilnahmslos“ bis „vorwurfsvoll und störrisch“. Ob das Bild, das zu einer Serie mit dem Titel „Blessuren“ gehört, auch seelische Narben spiegelt, wurde ebenfalls diskutiert.

Diese Rätselhaftigkeit habe der in Kassel lehrende Künstler Bernhard Prinz gewollt, warf der Kunstvereinsvorsitzende Dr. Kai Kähler ein, der Willms elegant sekundierte: „Das Foto ist präzise komponiert und wie ein Gemälde gestaltet – wer die Person ist oder welchen Beruf sie ausübt, bleibt bewusst verborgen.“

Willms, der sich selbst als Fotograf ungewöhnlicher Porträts betätigt, bestätigte dies, indem er die Ausleuchtung des Analogfotos erklärte:. „Sähe man die Frau im Profil, wäre sie richtig schön.“

Am Ende zog eine Besucherin das Resümee: „Ein Bild, das man sich lange angucken kann.“ Tatsächlich waren aus geplanten 20 Minuten doppelt so viele geworden. Dass Kähler noch ankündigte, das Foto erhalte bald ein Gegenstück aus einer Privatsammlung, war der gelungene Schluss der „rebellischen“ Führung.

Nordssee Zeitung  07.05.14 von Sebastian Loskant